• Divadlo Kontra mit Fragen vom Sein oder Nicht-Sein, der Ohnmacht des Menschen im Kampf der Zeit an einem ungewöhnlichen Spielort …

    Bild(von Dieter Topp) Auf der Kaiserroute ausgewählter historischer Theater machte der interessierte Kulturtourist Halt in der Slowakei. Der Besuch galt der Stadt Spisská Nová Vest (Zisper), mit 38.000 Einwohnern eine der größten Städte in der Ostslowakei, südöstlich der Hohen Tatra und mitten in der traditionellen Region Zips. Im Laufe des 19. Jahrhunderts, als Theater gewichtiger Teil des gesellschaftlichen Lebens und der zunehmend nationaleren Kultur in der österreichisch-ungarischen Donaumonarchie geworden war, ließ Wien öffentliche Theater außerhalb der Donaumetropole errichten, bei denen die Architekten Fellner & Helmer eine fundamentale Rolle spielten. So spiegelt sich auch bei der Reduta des Architekten Kálmán Gerster mit dem Theater ( 1902 – 1905) eine Art Muster der architektonischen, kunsthistorischen und Theaterorientierung dar. Das letzte Gebäude der Reihe der historischen Theaterarchitektur in der Slowakei ist dieses Jugendstilgebäude des Zipser Theaters in Spisská Nová Ves.

    Kaffeehaus, Restaurant und Theater luden zum Verweilen in der Stadtmitte, wo, geprägt von einem großen, Lanzetten förmigen Platz, sich die wichtigsten Sehenswürdigkeiten befinden. Gleich nebenan schaute man auf die römisch-katholische Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt aus dem 14. Jahrhundert, mit dem im 19. Jahrhundert erbauten höchsten Kirchturm (87m) der Slowakei. Dem folgten das klassizistische Rathaus, dann die evangelische Toleranzkirche aus dem Ende des 18. Jahrhunderts. 2017 wurde Spisská Nová Ves der Ehrentitel „Reformationsstadt Europas“ durch die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa verliehen.

    Der erste Besuch in der Stadt,
    dem Kleinods eines ehemaligen multikulturellen Zentrums, galt jedoch einem Theater andere Art in der Stadt. „Divadlo Kontra“, das „Kontra-Theater“ verdankt seinem Namen nicht nur der lokalen Situation gegenüber den genannten Sehenswürdigkeiten, sondern steht als Synonym für eine Theaterkultur eigener Art. Leiter und Schauspieler Peter Cizmar unterhält in den Katakomben ein professionelles Theater. Mit überregionalem Erfolg und Auftritten im internationalem Raum erschien es bereits 2007, ausgezeichnet mit dem renommierten „Dosky 2007 – Objav sezóny“ (Entdeckung des Jahres), war präsent in Polen, der Tschechischen Republik und nicht zuletzt in Großbritannien beim Edinburgh Fringe Festival. „The focus of this theatre is unique because it premieres works that have not been presented yet, works that attained world theatre scenes and received numerous awards around the world“, so die künstlerische Leiterin Klaudyna Rozhin aus Großbritanien.

    Cizmar und Rozhin
    hatten zum Shakespeare Festival geladen und präsentierten gleich beim ersten Mal vier „Knaller-Produktionen“ von internationalem Rang. Der Hype anlässlich des 500. Geburtstags des Phänomens hatte sich gelegt und da stellte sich 2017 die Frage: Was können wir noch von Shakespeare lernen, wie aktuell lässt er sich aufbereiten?
    Shakespeare und viele andere Klassiker wurden in der Erdogan diktierten Türkei verboten. Die Erinnerung an ein düsteres Zeitalter in Deutschland, in dem Bücher verbrannt und Kunst zensiert wurde, erwachte aufs Neue. Unfreiheit der Meinung in Russland und im europäischen Ungarn und Polen, die Präsidentur in den Vereinigten Staaten von Amerika haben ein Horrorszenario am Welthimmel in tiefem Schwarz aufkommen lassen. Hatte Shakespeare nicht all das schon einmal in seinen Herrscher-Dramen niedergeschrieben, tausendfach kopiert und wieder und wieder neu interpretiert einem Weltpublikum vor Augen geführt?

    Hier schloss das Kontra Theater an
    „Macbeth“, ein Monodrama von Peter Cizmar, ließ den Krieger auf dem Müllhaufen unserer Zeit darüber nachdenken, ob er wirklich ein Mörder war oder alles nur Reflektionen seiner Imagination. Mit facettenreichem Stimmpotential spurtete der Protagonist durch die Geschichte. Zwanghaft mordend führte er dem Zuschauer brutale Realität vor Augen. Zurück blieb wie bei jedem Potentaten der Abfall, den es anschließend für die Zukunftsgeneration zu beseitigen galt und gilt.
    Ebenso im „Hamlet“, einem Zwei-Personen-Stück, in dem Peter Cizmar und Andrej Palko sämtliche Charaktere geben, in rasantem Wechsel von Personen und Gender mit minimalistischstem Outfit. „Meine Erfahrung ist, dass der menschliche Geist in der Lage ist, aus ein paar Gegenständen und bestimmten Hinweisen eine komplette Welt im Kopf seines Eigentümers entstehen zu lassen. … Nehme ich eine leere Bühne, ein paar notwendige Requisiten und vor allem einen Protagonisten, der sich in seine Rolle hervorragend eingearbeitet hat und die Orte, Menschen und Gefühle, mit denen sie oder er es zu tun hat, genau kennt und sich hinein zu versetzen weiß, dann wird der Betrachter sich mit dem Protagonisten an diesen Ort, diese Situation begeben“, so Peter Brook (Die leere Bühne ist die Welt), eine gewaltige Anstrengung für Akteure und Zuschauer. Letztere waren überaus stark gefordert, den Shakespeare-Zitaten zu folgen und den Persönlichkeiten des Dramas zuzuordnen. Doch Cizmar und Palko überzeugten. Wie ein präzises Uhrwerk griffen die „choreografierten Abläufe“ ineinander.

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    Eine weitere Shakespeare Herrscher-Tragödie
    präsentierte die englische Schauspielerin (Schriftstellerin) Emily Carding, die sich mit ihrem Richard III. seit 2015 ständig auf internationaler Tour befindet. Zahlreiche Preise (Prag Finge Festival u.a.) nennt sie bereits eigen und jedes Mal überzeugte sie mit einer starken beeindruckenden One-Woman-Show. In der Rolle des verkrüppelten Richard III. band sie in den unterirdischen Gewölben des Theaters das Publikum mit in die Vorstellung ein. Einige Kenntnisse der englischen Sprache waren notwendig, dann jedoch verwob Carding die Schar der „Gäste“ in dieses Drama, das mit komödiantischen Aspekten stets einen Bezug zum Heute und Jetzt herstellte. Es bedurfte keiner Anspielung auf zeitgenössische Diktatoren. Die Sprache Shakespeares benutzte die Schauspielerin als Schwert, womit sie alle notwenigen Morde verübte. „Darsteller aus dem Publikum“ bekamen als äußeres Zeichen „tot“ aufs Revers geheftet. Wer die Protagonisten des Stücks kannte, wusste, ob er „lebend“ den Raum verlassen konnte, oder ob ihn das gleiche Schicksal wie Richard erreichen würde, der auf der Suche nach einem „Pferd für ein Königreich“ vor den Füßen der Zuschauer verendete. Nicht enden wollender Applaus für eine weibliche Bowie mit Tilda Swinton Glamour und der Aufdringlichkeit einer Theresa Mary May. Alles vereint befand sich in einer einzigen Emily Carding, auf die wir uns in Deutschland doch bald einmal freuen sollten!

    Der „King of Monodrama“, Pip Utton, durfte nicht fehlen.
    Vielen ist der britischer Schauspieler und Schreiber seiner eigenen Dramen rund um den Globus bekannt. 2016 hatte eigens für ein Shakespeare Festival in Armenien ein neues Stück geschrieben. In „King of Tragedy“ erweckte er auch dieses Jahr in dessen starker Überarbeitung für 50 Minuten Aufstieg und Fall des großen englischen Bühnendarstellers Edmund Kean zu Leben und Leiden, der mit Shylock, Richard III., Hamlet, Othello, King Lear und Macbeth die Zuschauer im 19. Jahrhundert hin- und hergerissen hatte: das Publikum, von dem er doch nur geliebt werden und mit dessen Schicht er eins sein wollte. Er verlor wieder einmal diesen ständigen Kampf um Anerkennung und ertrank in Alkohol, Krankheit, Armut und Verachtung. In diesem zutiefst beeindruckenden Melodram eroberte Pip Utton auch die Slowaken, wie er es rund um den Globus als Hitler, Churchill, Margaret Thatcher und die Päpste seit Jahren immer wieder schafft. Mit dem „König der Tragödie“ hinterfragte Utton auch in dieser Fassung (ich ziehe die Urfassung vor) das Theaterleben, dessen Hybris und die der Zuschauer und entlarvte so den gesamten Theaterzirkus, damals wie heute.

    Fragen und Antworten
    auf der Bühne vom Sein oder Nichtsein transferiert in den Zuschauerraum, verrauschten in den Stürmen der Zeit wie lebendiges Leben, das sich ständig ändert, weggefegt wird. So blieb der Mensch recht ohnmächtig in seinem Kampf gegen die Zeit. Alles, was er nach diesem Festival noch tun konnte, war nach etwas Zeitlosem zu suchen, um dadurch Schöpfer einer eigenen Unsterblichkeit zu sein, über Sein oder Nicht-Sein selber zu entscheiden.

    Divadlo Kontra
    und das Engagement der beiden Theatermacher Peter Cizmar und Klaudyna Rozhin hinterließen ein starkes Statement für einen erneuten Besuch von Kulturtouristen in Spisská Nová Vest, die liebenswürdige Stadt mit ihren Sehenswürdigkeiten und einer weitere Ausgabe des „Shakespeare Festivals“ an einem derart authentischen Spielort.

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    Auf der Kaiserroute in die Slowakei – Shakespeare Festival in Spisská Nová Vest

    auf Werben online publiziert am 29. September 2017 in der Rubrik Presse - News
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